Gerne hören wir das Märchen vom expliziten Wissen. Jeder Manager träumt davon, das Wissen seiner Mitarbeiter ausserhalb ihrer Gehirne sicher aufzubewahren. Denn wer weiss, ob nicht der eine oder andere Mitarbeiter schon morgen einen Arbeitgeber gefunden hat, der ihm bessere Bedingungen bietet. Auch die bevorstehende massenhafte Pensionierung verbunden mit der zunehmenden Knappheit an sehr gut ausgebildeteten Fachleuten, verleitet Viele dazu, sich wieder an diesen Strohhalm zu klammern. Auch wenn bisher alle Versuche relevantes Wissen zu kodifizieren gescheitert sind und Unternehmen teilweise Millionen in den Sand gesetzt haben, bleibt die Hoffnung bestehen, dass es doch irgendwie gehen müsste, sich von seinen Arbeitnehmern einigermassen unabhängig zu machen.

Dave Snowden, neben David Gurteen einer der heftigsten Kritiker des klassischen Wissensmanagements, beschreibt in seinem Blog in drei aufeinanderfolgenden Beiträgen Beitrag1, Beitrag2, Beitrag3 eindrucksvoll, warum der Wunsch, möglichst alles Wissen zu explizieren, nicht zu realisieren ist. Er schreibt unter anderem: „Now it is important to note that I am not saying that there is no place for explicit or codified knowledge in any approach. However any such material does not arise from a conversion process, it’s one method of augmenting memory„. Explizites Wissen, welches z.B. in Form einer Zeichnung vorliegt, ist genau genommen, nur Information. Es entlastet das Gehirn des Autors. Für eine andere Person ist es nur nutzbar, wenn diese über entsprechendes implizites Wissen verfügt um die Information auf dem Papier zu verstehen und zu nutzen. Im idealen Fall unterstützt die Information auf dem Papier einen Lernprozess. Dieser Lernprozess benötigt aber Interaktion, Reflexion und natürlich Anwendung des Gelernten. Durch häufige Anwendung wird dies dann wiederum zu implizitem Wissen. Somit ist jetzt verständlich, was David Snowden mit dem Zitat von Polanyi ausdrücken möchte: „In this I am at one with Polanyi (I still suspect that Nonaka did not read him) in Knowing and Being when he says: While tacit knowledge can be possessed by itself, explicit knowledge must rely on being tacitly understood and applied. Hence all knowledge is either tacit or rooted in tacit knowledge. A wholly explicit knowledge is unthinkable„.

Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken. Offensichtlich entzieht sich Wissen allen in der herkömmlichen Managementausbildung vermittelten Prinzipien vom Umgang mit Ressourcen.

der wissensarbeiter

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  1. Hallo Wissensarbeiter
    Leider kann ich dir nur bedingt zustimmen. Im Moment bin ich gerade in einer Managementausbildung und hier wird sehr wohl vermittelt, dass Wissen der Mitarbeiter ein sehr wertvolles Gut ist und oft den Erfolg der Unternehmung schlechthin bedeutet.
    Würde deine Aussage zutreffen, könnten Manager ihr Wissen auch explizit machen und so ersetzbar werden.
    Der Modelltreiber

  2. wissensarbeiter sagt:

    Hallo Modelltreiber
    Ich bin ich mit deiner Meinung voll und ganz einverstanden – Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter ist für viele Unternehmen das wertvollste Gut. Etwas anderes sagt der Blogeintrag aber auch nicht aus. Was ich verdeutlichen wollte und was auch Dave Snowden schon seit Jahren kritisch betrachtet, ist der sehnliche Wunsch nach Explizierung des so wertvollen Wissens. Und das ist, wie oben beschrieben, weitgehend nicht möglich – daher bleibt es ein Traum und jeder, der erzählt, das ginge ganz leicht, erzählt Märchen.

    der wissensarbeiter

  3. …ja, die Diskussion über die Explizierbarkeit von Wissen kenne auch ich nur allzu gut! Im Rahmen der Schulungen, die ich zu Wissensmanagement an div. Bildungseinrichtungen in Österreich abhalte, wird diese Frage meist sehr emotionsgeladen und stets viel länger diskutiert als geplant!

    Ich kann mich dem ersten Blogeintrag nur anschließen – rein explizites Wissen für sich, ohne Bezug zu einer Person sowie zu einem bestimmten Kontext/einer bestimmten Situation (zumindest einer gedachten Situation) gibt es nicht! Das bedeutet allerdings nicht, dass Wissen nicht gemanaged werden kann und soll – folgende drei Aufgaben stehen aus meiner Sicht dabei im Mittelpunkt:

    A) In Anlehnung an Larry Prusak (von Vielen als Erfinder des Wissensmanagement bezeichnet) sehe ich die größte Aufgabe und Herausforderung im Wissensmanagement darin, eine Umgebung zu schaffen, in der Wissen bestmöglich fliesen, sich entwickeln und gedeihen kann (hierzu gehören neben Aspekten der Unternehmenskultur und der Mitarbeiterführung insbesondere auch die Arbeitsplatzgestaltung und –ausstattung).

    B) Darüber hinaus ist es insbesondere in erfolgskritischen Unternehmensbereichen nötig, Wissen bis zu einem gewissen Grad zu explizieren. Streng genommen entsteht dabei zwar wie eingangs erwähnt reine Information – unter bestimmten Voraussetzungen spreche ich hier jedoch von potenziellem Wissen/von Wissen im weiteren Sinne (eine Zwischenstufe zwischen reiner Information und „echtem“ Wissen): Wird gleichzeitig mit der im Rahmen der Explizierung von Wissen entstehenden Kerninformation auch entsprechende Information auch über die Informations-Quelle (Person) und den Informations-Kontext (Situation, Rolle, Umgebung…) festgehalten, lässt sich die künftige Anwendbarkeit der Kerninformation und damit auch deren potenzielle Handlungs- und Entscheidungsrelevanz gezielt erhöhen. Die besondere Herausforderung im Management dieser „angereicherten“ Kerninformation (= Management von explizitem, potenziellem Wissen und nicht Management von echtem Wissen!) liegt somit nicht in der Dokumentation der Kerninformation selbst, sondern in der Bereitstellung entsprechender, hochwertiger Zusatzinformationen. Je höher mithilfe dieser Zusatzinformationen die potenzielle Handlungs- und Entscheidungsrelevanz der dokumentierten Kerninformation für künftige Aktivitäten im jeweiligen Anwendungskontext gehalten werden kann, umso eher wird diese Information als potenzielles Wissen künftig auch genutzt und in ihrer Anwendung wiederum in „echtes“ Wissen überführt.

    C) Neben der gezielten Gestaltung einer entsprechenden Umgebung sowie dem Management explizitem, potenziellem Wissens ist es schließlich wesentlich, Informationen über Wissensquellen und Informationskanäle bewusst zu managen. Transparenz über Wissensquellen und Informationskanäle ist eine der Grundvoraussetzung dafür, um bedarfsorientiert über die jeweils passenden Informationskanäle rasch auf entsprechende Wissensquellen zugreifen und in Folge benötigtes Wissen auch zeitgerecht abrufen zu können.

    …ja, Wissen entzieht sich in vielen Aspekten – wie im ersten Blogeintrag festgehalten – den in der herkömmlichen Managementausbildung vermittelten Prinzipien vom Umgang mit Ressourcen. Umso spannender ist es aber für mich, sich der Herausforderung „Wissensmanagement“ zu stellen!

    Der Erfolgsdiagnostiker

  4. wissensarbeiter sagt:

    Lieber Herr Schachner

    Vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Präzisierung der Problematik des Umgangs mit explizitem Wissen.

    der wissensarbeiter

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