Michael Wesch, Hochschullehrer aus Kansas, erläutert in einem Interview in der TAZ, wo das heutige Bildungssystem steht und welche Gelegenheiten es zum Lernen durch Problemlösen gibt.

Es ist faszinierend, wie viele informelle Lerngelegenheiten rund um echte Probleme es im wahren Leben gibt. Wir sollten keine Zeit im Seminarraum vergeuden, wenn wir echte Probleme des Lebens thematisieren könnten. Ein Problem provoziert uns, es motiviert und zwingt uns, anders zu denken, neues Wissen zu testen, andere Wege zu gehen. In den Bildungsinstitutionen finden Sie das neue und informelle Lernen kaum„.

Leider ist unsere Gesellschaft immer noch sehr stark in der Industrialisierung stecken geblieben: zuerst wird gelernt, dann gearbeitet und dabei das Gelernte möglichst oft angewandt. Industrialisierung hat immer diesen sequentiellen Charakter: erst wird ein Produkt entwickelt und dann massenhaft produziert. Dabei bleibt das Lernen durch Problemlösen auf der Strecke.

Nur sollten Studenten keine Fakten büffeln, sondern bedeutungsvolle Zusammenhänge herstellen können. Sie sollen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen erkennen. Das Erkennen und Lesen von Zusammenhängen ist die einzigartige Fähigkeit des Menschen. Sie zu stärken, ist die Aufgabe von Bildung„.

Stattdessen ist auch in den Schulen immer noch das Vermitteln von Faktenwissen im Vordergrund, wie ich gerade bei meiner Tochter im Gymnasium mit Erstaunen feststellen muss.

Wissen zu vermitteln – das ist eine ziemlich niedrige und primitive Version von dem, was Lernen eigentlich sein könnte. Die wirklich großen Momente des Lernens haben nichts mit Memorieren, sondern mit Transformieren zu tun. Jeder aktive Prozess des Lernens geht mit der Zerstörung von Vorstellungen einher. Wenn du wirklich etwas Neues lernst, dann musst du die Mauern deiner bisherigen Gedankengebäude einreißen„.

Tja, fast zu schön um wahr zu sein. Und dennoch, jeder von uns hat diese Lernmomente schon gehabt und wir müssen uns deshalb die Frage stellen, warum das Bildungssystem so unflexibel ist. Ach ja, ist eigentlich klar. Industrialisierung. Erst studieren die Lehrer an pädagogischen Hochschulen und Universitäten um danach möglichst effizient das Gelernte an Massen von Schülern weiterzugeben. Lernen durch Wissensarbeit? Viel zu wenig! Alle reden von Wissensgesellschaft, in Wahrheit sind wir noch ein schönes Stück davon entfernt.

der wissensarbeiter

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  1. Thomas Nagel sagt:

    Kein Wunder, dass Hochbegabte an unseren Schulen wie Aussätzige behandelt werden.
    Jede Form von alternativem Denken wird im stromlinienförmigen Turbo-Abitur geächtet und konsequent ausgemerzt.
    Fragen Sie mal vom Asperger-Syndrom Betroffene.

  2. wissensarbeiter sagt:

    Ich glaube einfach, dass sich das Schulsystem in grossen Teilen in der Effizienzfalle befindet. Das Kultusministerium gibt vor, was Schüler an Stoff wissen müssen und die Lehrer versuchen dies so effizient wie möglich zu vermitteln. Durch die Fülle an Stoff bleibt viel zu wenig Zeit, die Kinder zu effektiven Problemlösern = Wissensarbeitern auszubilden. Hier könnten auch Hochbegabte sehr gut gefördert werden. Stattdessen werden sie von Prüfung zu Prüfung mit Wissen abgefüllt, das dann nahezu 1:1 abgefragt wird. Vieles von dem Wissen kann heute jeder mittelmässig begabte Schüler in Sekunden per Google abfragen. Aber diesen Mindshift haben weder die Kultusministerien noch die Lehrer bisher geschafft. Irgendwie eine Parallele zu trägen Grossunternehmen, die wichtige Megatrends verschlafen.

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