An der Melcrum Summit in London durfte ich auf Einladung von Yammer einen Vortrag halten, bei dem ich auch gezeigt habe, was Information von Wissen, Wissen von Können (Proficiency), und Können von Kompetenz bzw. Expertise unterscheidet. Dazu habe ich die Wissenstreppe von Prof. Klaus North verwendet.

Fast niemand der Teilnehmer (aus dem englischen Sprachraum) kannte dieses Modell. Es zeigt aber sehr schön den langen Weg von der Information zur Expertise auf. Beides wird leider immer noch allzuoft verwechselt. Aussagen wie „Wissen ist heute jederzeit im Internet verfügbar“ oder „Aufbau von Wissensdatenbanken“ zeugen vom allgemeinen Unverständnis.

Jede Seite im Internet bietet zunächst einmal im besten Fall Information an. Erst ein Lernprozess kann daraus Wissen erzeugen (Übergang von Sektion 1 nach 2). Und zwar ausschliesslich im Kopf des Lesers. Dieses Wissen ist zum grossen Teil explizit vorhanden und kann meist gut wiedergegeben werden. Kurse und auch die meisten so viel beachteten Zertifizierungen schulen bzw. fragen dieses Wissen ab. Auf openPM gibt es hierzu übrigens eine interessante Diskussion. Viele der Beiträge kann man schön mit der Wissenstreppe erklären.

Wenn dieses Wissen angewandt wird, entsteht nach einiger Zeit so etwas wie eine bestimmte Fertigkeit bzw. Können  (Proficiency). Wenn dann zielbestimmtes Handeln dazukommt um Probleme zu lösen und herausfordernde Aufgaben zu bewältigen und dies immer wieder mit einer Reflektion über die erreichten Resultate geschieht, entsteht dabei mit der Zeit Expertise (Übergang von Sektion 2 nach 3). Expertise ist meist implizit vorhanden, da wir mit der Zeit Muster herausarbeiten, welche Lösungen zu welchen Problemen in welchem Kontext funktionieren und welche nicht. Erklären können wir diese Muster oft nicht, sondern wir müssen einen Experten einer Problemstellung aussetzen, damit diese Muster im richtigen Handeln sichtbar werden.

Und letztendlich nur die richtige Expertise verschafft zumindest wissensintensiven Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil (Sektion 4).

Expertise, um in komplexen Problemstellungen Lösungen zu finden, macht letztendlich den Unterschied. Das gilt für Ingenieure, Informatiker oder Projektleiter, aber genauso für Marketingstrategen oder HR-Manager, die sich Gedanken machen müssen, Kunden und Mitarbeiter zu finden und an das Unternehmen zu binden.

Aus strategischer Sicht müssen Unternehmen sehen, dass sie die richtige Expertise an Bord haben und alle Grundlagen dafür vorhanden sind. Aus operativer Perspektive reicht es eben nicht die Mitarbeiter nur in Kurse zu schicken und das erlangte Zertifikat als Beweis der Expertise zu sehen. Das Unternehmen muss seinen Mitarbeitern Raum und Zeit für ihre Entwicklung geben. Marcus Raitner hat hierzu einen interessanten Artikel geschrieben, der die Problematik aus Sicht der Projektorganisation beleuchtet.

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  1. Mangerich, Juergen sagt:

    Spannend – insbesondere, wenn man dieses Modell auf Seiten des Menschen um die in der Kognitiven Psychologie etablierte Unterscheidung zwischen „deklarativem Wissen“ (vereinfacht: Wissen um die Welt, was aber nicht zwingend in Handlung umgesetzt wird bzw. werden kann – auch wenn die betreffende Person sich dessen bewusst ist) und „Handlungswissen“ (vereinfacht: mehr oder weniger automatisch ablaufendes Handeln, dessen Automatismus sich die handelnde Person nicht immer bewusst ist). Gleichzeitig bedeutet es Aufwand zum einen die jeweilige Komponente zu befüllen, und zum anderen sie miteinander zu verbinden. Selbst wenn man etwas gut tut, bedeutet das noch lange nicht, dass man weiß warum.

    Also „deklaratives Wissen“ + „Handlungswissen“ = Wissensarbeiter

    • wissensarbeiter sagt:

      Hallo Jürgen

      Danke für deinen Kommentar und die Ergänzung. Die Gleichung für den Wissensarbeiter finde ich nicht schlecht, muss aber auch noch ergänzt werden. Die enge Definition für Wissensarbeit ist nämlich die Anwendung des Wissens (deklaratives Wissen und Handlungswissen) zur Probemlösung unter der Voraussetzung, dass nicht alles Wissen zur Problemlösung bereits vorhanden ist. Ich habe eine ganze reihe von Definitionen für Wissensarbeit gesammelt, siehe https://wissensarbeiter.wordpress.com/definitionen/

      Gruss,
      Jörg

  2. „Aussagen wie “Wissen ist heute jederzeit im Internet verfügbar” oder “Aufbau von Wissensdatenbanken” zeugen vom allgemeinen Unverständnis.“

    Gut auf den Punkt gebracht!

    • wissensarbeiter sagt:

      Hallo Herr Stocker
      Danke! Leider trifft man immer noch sehr oft auf obige Aussagen. Was ist Ihre Erfahrung?
      Viele Grüsse aus Zürich
      Jörg Dirbach

    • wissensarbeiter sagt:

      Hallo Herr Glogger
      Die Ergänzungen auf Ihrer Website erklären das ganze noch etwas ausführlicher und Sie bringen es mit der Formel

      Kompetenz = Motivation + Wissen + Erfahrungen + Erkenntnisse

      auf den Punkt.
      Besonders wichtig sind hierbei die Erkenntnisse, die man wesentlich besser erlangt, wenn Zeit und auch Diskussionsmöglichkeiten für die Reflexion gegeben sind.

      Gruss,
      Jörg Dirbach

  3. […] Der Hinweis auf die Unterschiede zwischen Information, Wissen und Expertise findet sich heute in jeder Einführung in das Wissensmanagement. Trotzdem hinkt die Praxis oft noch hinterher. Das findet auch Jörg Dirbach und beschreibt sehr anschaulich den Weg von der Information zur Expertise mit Hilfe der Wissenstreppe von Klaus North. “Expertise, um in komplexen Problemstellungen Lösungen zu finden, macht letztendlich den Unterschied.” Überhaupt lohnt sich der regelmäßige Besuch dieses Blogs! Jörg Dirbach, der wissensarbeiter, 29. Oktober 2012 […]

  4. Marcus Raitner sagt:

    Sehr interessanter Beitrag. Diese Wissenstreppe kannte ich so noch nicht. Scheint mir wirklich ein sehr brauchbares Modell zu sein. Vielen Dank im Übrigen für den Verweis auf openPM und meinem Blog-Artikel. Freut mich sehr!

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